Heinrich Albert Oertel (1834-1888)

 

Apotheker, Heilkräutersammler

und Croupier an der Nauheimer Spielbank.

 

  

 

  

 


Sterbeeintrag:

1888/Nr. 15. Heinrich Albert Oertel, Apotheker, verheiratet mit Anna Maria, geborene Hardt, geboren in Leipzig am 23. März 1834, gestorben am 16. April 1888, begraben am 19. April – alt 54 Jahre, 24 Tage – Bad Nauheim.




Abschrift:

H.A. Oertel´s Johannisberg-Herbar

Im alten Johannisberg-Restaurant wurde von Einheimischen und Kurgästen gern eine Sammlung getrockneter Pflanzen beachtet, die dann später dem staatlichen Museum in Bad Nauheim als Geschenk übergeben wurde. Dieses „Florilegium Johannisberg" ist 1870-71 von Heinrich Albert Oertel mit großer Sorgfalt zusammen-gestellt worden. 83 bemerkenswerte Blütenpflanzen des Johannisberges sind unter Glas und Rahmen in Rosettenform übersichtlich zu einem bunten Blumenbild angeordnet. Heinrich Albert Oertel wurde 1834 zu Leipzig geboren, widmete sich dem Apothekerberuf und bestand mit der Note „vollkommen gut unterrichtet und geschult" 1852 in Wurzen die pharmazeutische Prüfung. Auch über die weitere Beschäftigung in der Lehrapotheke sowie in Apotheken der Schweiz und in Frankreich liegen noch ausgezeichnete Zeugnisse über ihn vor. Auf der Wanderschaft durch die Schweiz, Südfrankreich, Monaco und Spanien eignete er sich vorzügliche Sprachkenntnisse an, die ihn späterhin veranlaßten, den Beruf des Apothekers mit dem eines Croupiers zu vertauschen. Als solcher war er an allen größeren Spielbanken tätig, zuletzt auch in Bad Homburg und Bad Nauheim, wo er in der Johannisstraße wohnte. In Bad Nauheim ist er 1885 verstorben.

Auch als Croupier blieb er der "lieblichsten der Wissenschaften treu: der Botanik. die ihn seit seiner Apothekenlehre mächtig angezogen hatte. In Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Spanien sammelte er mit bewundernswertem Eifer Pflanzen, die er zu einem vielbändigen Herbarium vereinte, das uns leider nicht mehr erhalten ist. Im Besitz seiner Nachfahren, der Familien Oertel und Steuernagel in Bad Nauheim, befindet sich aus dem Jahre 1863 noch der nach dem Linneischen System geordnete "Catalogus", der etwa 4.000 Pflanzen des ungewöhnlich umfangreichen Herbars.

Im Nachlaß des kenntnisreichen Floristen sind auch noch Notizen über „Ergebnisse botanischer Exkursionen in der Umgegend von Sitten sowie im Canton Wallis überhaupt" (1858) erhalten.

Albert Oertels Johannisberg-Herbar, das vom Bad Nauheimer Museum als ein kostbarer Schatz gehütet wird, ist eine wichtige florengeschichtliche Urkunde. Pflanzengeographisch ist die Sammlung von Bedeutung, weil sie zu einem großen Teil kontinentale und mediterrane Florenelemente birgt, die an der Zusammensetzung der Steppenheide und es Steppenheidewaldes beteiligt sind. Heute sind leider manche dieser wärmeliebenden Arten, die das Pflanzenkleid des Johannisberges einst auszeichneten und die Oertel vor 80 Jahren dort noch im „Nizza" sammeln konnte, aus der Flora des Berges verschwunden. So treffen wir die Küchenschelle, die als eine charakteristische Leitpflanze der Steppenheide auf den basaltischen Hügeln des Wettertals zwischen Bruchenbrücken und Münster bei Lieh noch beheimatet ist, auf dem Berge nicht mehr an. Auch nach einigen Orchideen, die das Johannisberg-Herbar nachweist, suchen wir vergeblich.

 

Der mediterran-montane aufrechte liest (Stachys recta) und der gefranzte Enzian (Gentianaciliata) kommen nur noch spärlich vor, und für den mediterran-atlantischen Flügel-Ginster (Genista sagittalis) ist nur noch eine Fundstelle am Fuße des Berges bekannt. Auffallend ist es, daß Oertel, dem sonst doch keine der bemerkenswerten Pflanzen entgangen ist, die seltene Erbsen-Wicke (Vicia pisiformis) in der licht- und wärmeliebenden Trockenwaldgesellschaft des Südhanges anscheinend nicht beobachtet hat. Dort kommt sie, hart an der Westgrenze ihrer Verbreitung, heute noch vor; sie war allerdings vorübergehend verschollen, da sie auf botanischen Exkursionen benachbarter Universitäten förmlich „wegbotantsiert" worden war und von mir 1937-38 erst wieder angesät werden mußte. Wenn auch der subatlantische Salbei (Gamander) in der Oertelschen Zusammenstellung fehlt, so ltäßt das vielleicht den Schluß zu, daß dieser erst in der späteren Zeit aus dem an Westliehen Arten reicheren Wintersteingebiet zugewandert ist. Er paßt eigentlich auch gar nicht in die Gesellschaft der Steppenpflanzen östlicher und südlicher Herkunft hinein, die das Florenbild des Johannisberges im Wesentlichen bestimmen.

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Aus dam Dornröschenschlaf geweckt


Hedwig Rohde, Bad Nauheim Journal 7. Ausgabe vom Juli 2004