Der Jüdische Friedhof am Lichtenberg - Literaturhinweise

Otto Wissig (1914)

 

Der Judenfriedhof im Nauheimer Wald

am Lichtenberg

Von Kirchenrat Otto Wissig (Bad Nauheim)

 

"Wenn man am Ende der Steingassein den Fußweg nach dem Johannisberg einbiegt, zweigt sich nach etwa 225 Meterschritten links ein Pfad ab, der zu dem Judenfriedhof führt: 25 m über der Staßenhöhe am Ostabhang des Lichtenbergwaldes. Der Friedhof ist vor nicht langer Zeit in unregelmäßiger Grundlinie mit eisernen Stützen und ein paar Verbindungsdrähten umfriedet worden. Er enthält noch 3 Grabsteine aus Sandstein, in der üblichen Form, nach abendländischer Gepflogenheit orientiert; richtiger, von West-Süd-West nach Ost-Nord-Ost gerichtet. Nach Osten schaut die mit unpunktierter hebräischer Schrift bedekte Seite, auf der Westseite stehen Name und Todesjahr. Die hier zu lesenden Jahreszahlen 1835, 1840, 1851 geben nicht die Grenzen der Benutzung. Nach den Stadtrechnungen wurden nachweislich schon 1683 Juden dort begraben; vermutlich war der Friedhof gemeinsam für mehrere zum Gerichtsbezirk Dorheim gehörende Orte. Die Belegung hörte erst 1866 auf, in welchem Jahr die Judengemeinde Bad Nauheims eine Synagoge baute und den Friedhof an der Homburger Straße einrichtete."

 

Quelle: Otto Wissig, Der Judenfriedhof im Bad Nauheimer Wald am Lichtenberg, Friedberger Geschichtsblätter 4/1914-21, S. 85

Dr. Rudolf Stahl (1929)

 

„Einen Friedhof besaß die jüdische Gemeinde damals nicht zu eigen. Sie begrub ihre Toten auf städtischem Gelände, auf dem alten Waldfriedhof, der mit drei Steinen aus dem 19. Jahrhundert noch heute erhalten ist. Er befindet sich oberhalb des Anfangs der Fahrstraße, die von der Steingasse zum Johannisberg führt. Die Gewannenbezeichnung heißt „Am Lichtenberg". Schon in früherer Zeit muß dort der Begräbnisplatz gewesen sein, denn in den Stadtrechnungen des hiesigen Stadtarchivs findet sich seit langer Zeit ( erste Feststellung aus dem Jahre 1683) die ständige Rubrik „von der Juden Begräbnis", die später „vom Judenbegräbnis in den hiesigen Gemeindswald" heißt. Sie steht in den Rechnungen auf der Einnahmeseite und zwar zwischen den Einnahmen aus dem Holzverkauf vom Gemeindewald und den Einnahmen aus Weideund Grasgeld. Für jedes Begräbnis war ein fester Preis von l fl. 30 kr. vorgesehen. Im Jahre 1864 wandte sich der Gemeindeälteste mit der Bitte an die Behörde, die Anlage eines neuen Friedhofes zu genehmigen, da der zur Zeit benutzte „jedem Besucher ein haarsträubendes Bild" biete, auch mitten im Wald läge und schwer zugänglich sei. Da die übrigen Gemeindemitglieder gegen den Ankauf eines neuen Friedhofs waren, kam es damals nicht zum Neuerwerb. Auch der Versuch, den Friedhof am Lichtenberg von der Stadt Nauheim zu kaufen, mißlang, da aus dem großen Waldkomplex ein kleiner Teil nicht ausgeschieden werden könne und auch die Forstbehörde sich dagegen aussprach. Sogar die Bitte an die Stadt, dem alten Friedhof eine einfache Lattenumzäunung zu geben, wurde abgeschlagen. Ende des Jahres 1864 genehmigte dann die Hanauer Regierung die Anlage des neuen Friedhofes auf dem Grundstück Flur X Nr. 174 „auf der Lattkaute" (heute Hamburger Straße). Das Grundstück wurde zunächst von dem Gemeindeältesten Heinemann G r ü n b a u m erworben und ging 1900 samt einem benachbarten Acker, der ebenfalls zu Friedhofszwecken bestimmt war, durch Schenkung auf die israelitische Gemeinde über.

Bei der Anlage des Friedhofes im Jahre 1865 waren der Steinhauermeister Georg L a m p e r t , Maurermeister Heinrich W o l f II., (der mit „Johannisberger Steinen" baute), der Schlossermeister Wilh. S p r e n g e l und der Weißbindermeister K. B a ß h u i s e n beschäftigt. Am 28. Mai 1866 wurde der neue Friedhof durch den Provinzialrabbiner F e l s e n s t e i n (Hanau) geweiht.“

 

Quelle: Rechtsanwalt Dr. Rudolf Stahl, Geschichte der Nauheimer Juden, Festschrift zur Einweihung der neuen Synagoge, Bad Nauheim 1929, Bad Nauheimer Jahrbuch 8. Jahrgang Nr. 9/12

 

 

Erich Brücher (1966)

Das Grab am Walde

Vom Judenfriedhof am Lichtenberg und einer Lustfahrt auf dem Teiche

 

Als Kirchenrat Wissig 1921 in den Friedberger Geschichtsblättern über den Judenfriedhof am Lichtenberg schrieb, standen auf dieser alten Begräbnisstätte am Südhang des Johannisbergs oberhalb der Steingasse noch drei Steine. Ihre Jahreszahlen gibt Wissig mit 1835, 1840 und 1851 an; doch ist in dieser letzteren ein Druck- oder Schreibfehler unterlaufen, richtig hätte es 1859 heißen müssen, wie unschwer zu kontrollieren. Denn dieser Stein steht noch.

Während einer völlig vernichtet und der zweite weitgehend zerstört worden ist, kam er, als einziger unversehrt auf uns, wenn auch in den letzten Jahren Witterungseinflüsse vom Boden her mehr und mehr ihm zusetzen. Der Stein ist wie üblich in Ost-West-Richtung orientiert und zweisprachig beschriftet: hebräisch nach Osten, deutsch nach Westen. Besonders empfindlich angegriffen ist die unterste Zeile des hebräischen Textes. Darüberhinaus machen kleinere Beschädigungen von Buchstaben und Zahlen beiderseits bereits einige Schwierigkeiten. Gemeinhin heißt es, hier sei ein junger Engländer begraben. Das stimmt aber nicht.

Der deutsche Text lautet:

 

"Hier ruht / fern von der Heimath / ELY ROSENBERG / aus Lindow/ geb. am 2. (Zahl schadhaft) Januar 1835/ gest. am 10. Juni 1859/ Friede seiner Asche."

 

Das besagt also zunächst einmal, daß der Verstorbene 24 Jahre alt war. - Die hebräische Inschrift gab Kennern dieser Sprache Rätsel auf. „Die Tragik dieses allzu früh dahingegangenen Jünglings ist uns nicht bekannt, aber die Legende hat hier, begünstigt durch die erste schwer entzifferbare Reihe ihre Ranken gesponnen und den Jüngling den Tod durch einen Wolf finden lassen“, schrieb Dr. Salomon Goldmann 1959 in der „Allgemeinen Jüdischen Zeitung für Deutschland“ über diesen Stein. Der Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr Kornblüth, hatte ihn darauf aufmerksam gemacht. Herr Rabbiner Dzialdow wies mich seinerzeit auf diese wertvolle Veröffentlichung hin. Denn Dr. Goldmanns Verdienst ist es, die hebräische Inschrift überprüft und m.W. als erster etwas darüber publiziert zu haben. So fährt er denn fort: „In der Tat lautet der von mir entzifferte Text: „Der da fiel auf dem Scheidewege (Al Eim Haderech = der Weg, der zwischen Tod und Leben scheidet) in der Blüte des Lebens.“ An dieser Stelle ergibt sich nun eine Unklarheit.

 

Dr. Goldmann erläutert sie: „Eim haderech“ ist ein feststehender Begriff in der hebräischen Sprache. Eine Scharte vor „Eim“, die einige Ähnlichkeit mit einem „Sajin“ hat und das fehlende zweite Bein des „Mem“ haben aus dem „Eim“ einen „Seew“ (Wolf) entstehen lassen.“

- Soweit Dr. Goldmann. Als Rabbiner und gründlicher Kenner des Hebräischen konnte er dieserart die Legende von einem Wolf, der unseren jungen Engländer zerrissen haben sollte, ebenso einleuchtend erklären, wie bereits ziemlich entkräften, auch wenn er "die Tragik dieses allzu früh dahingegangenen Jünglings" nicht zu erhellen vermochte.

Der hier im Wald am Lichtenberg fern der Heimat bestattete Ely Rosenberg war am 20. Mai 1859 zum Kurgebrauch in Nauheim eingetroffen. In dem damals renommierten Speisehaus von Samuel Rosenthal auf der Hauptstraße (Ritterstraße) war er abgestiegen. Aus Berlin war er gekommen. So steht es im Kurfremdenbuch wie in der Badeliste, die ihn als „Rentier“. bezeichnen.

Am Abend des 10. Juni blieb Ely Rosenberg ganz gegen seine sonstige Gepflogenheit dem Hause seines Logisgebers fern. Am gleichen Abend, zu später Stunde, meldete der Teichpächter dem örtlichen Polizeikommissar, es habe sich gegen, halb acht Uhr „ein Herr, der schon öfters Lustfahrten auf dem Teich gemacht habe, einen kleinen Nachen geben lassen“, der nach längerer Wartezeit und wiederholtem Ausschauen plötzlidl herrenlos dem Landungsplatz zugetrieben sei. Ein Ruder habe gefehlt, ein Spazierstöckchen und ein Überrock mit einigen Kleinigkeiten darin gelegen. Ein Paß wies den Vermißten als Handlungsreisenden oder Kommissionshändler aus. Er stammte aus Lindow. Dieses wenig geläufige „Lindow“ wird auf dem Grabstein seit langem fälschlich als „London“ gelesen, welche irrige Lesart die Mär von einem jungen Engländer aufkommen ließ,der hier begraben liege. Man muß sehr genau hinsehen und Bescheid wissen, um den Unterschied noch zu erkennen. Auch Dr. Goldmann erkannte ihn nicht, sein Aufsatz gibt die deutsche Inschrift dementspred unrichtig mit „London“ statt „Lindow“ wieder. Nun gibt es allerdings nicht weniger als neun kleinere Gemeinden dieses Namens, sämtlich im engeren und weiteren Umkreis von Berlin, vom Mecklen-burgischen über die Mark bis zur Lausitz hin gelegen; welches Lindow davon in Frage kommt, muß an dieser Stelle offenbleiben. Jedoch war der junge Kaufmann anscheinend vor nicht allzu langer Zeit nach Berlin übergesiedelt; ein Mahnzettel der Stadt Berlin, vom 7. Juni datierend, steckte noch in einer Rocktasche und hatte ihn unmittelbar vor seinem Tode an die Entrichtung der fällig gewordenen Einzugssteuer erinnert. Herrn Dr. Paul Arnsberg in Frankfurt verdanke ich in diesem Zusammenhange die Mitteilung, daß der hebräische Text keinerlei Angabe über den Heimatort des Verstorbenen enthält. Samuel Rosenthal erkannte den ihm vorgezeigten Oberrock als seinem Gaste gehörig und sagte, dieser möge gegenwärtig zwar ohne Geldmittel gewesen sein, „habe jedoch noch Wechsel und nicht unansehnliche Beträge wie Effekten besessen und täglich Gold gewechselt“; als ein Mann aus guter Familie und als wirklich wohlhabend war er ihm vorgekommen.

Zwei Tage später, am 12. Juni gegen Abend, wurde Ely Rosenberg im großen Teich „bei der alten Insel“ gelandet. Er war ertrunken. Der Polizeikommissar vermerkte einen Unfall in den Akten, „da Motive, die einen Selbstmord annehmen lassen, nicht aufgefunden worden sind“. Das ist die vergessene Geschichte um Ely Rosenbergs Tod. Für einen Unfall, für ein tragisches Ende seiner letzten Lustfahrt auf dem Teich im Park spricht das fehlende Ruder des herrenlos weitertreibenden Kahnes; für seine Herkunft aus guter Familie zeugt der immerhin stattliche Stein auf seinem einsam gewordenen Grabe. Der Judenfriedhof am Lichtenberg wurde im Frühjahr 1866 geschlossen, als ein neuer Friedhof an der Homburger Straße, „auf der Lattkaute“, damals weit vor der Stadt, heute dem Keltenweg eng benachbart, geweiht war. Die Weihe vollzog Provinzialrabbiner Felsenstein aus Hanau. Pläne, den alten Waldfriedhof am Lichtenberg zu vergrößern, waren gescheitert. E. B.

 

Quelle: Erich Brücher, Wetterauer Zeitung vom 26. Februar 1966

Friedrich Becker  (1967)

 

„28. Am Lichtenberg – Flur VIII (XXV)

 

Urkundlich:

Gemeinderechnung 1546, 1550: Acker am lichterbergk,

ebenso Weingärten genannt.

Flb. 1717: 1. Gewann „hinter dem Lichtenberg" an der

Ober- und Nd.-Mörler Grentz, stößt auf den Frauenwald

mit einer Ecke in die Mörler Grentz und auf folgende

Gewann (Wolfsgraben) und unten auf den Nauheimer

Gemeindewald.

Gleichzeitig als im Alzenauerfeld gelegen, 51.-56. Gewann.

Flb. 1785, 1812: Am Lichtenberg.

Flurplan 1859: ebenso.

Grundbuch 1885:ebenso.

Literatur:

Walz: Angabe, die Gewann sei nach dem 30jähr. Krieg

abgeholzt worden zur Deckung der Schulden der Ge-

meinde an die Saline zum Wiederaufbau des zerstörten

Dorfes, wird widerlegt — siehe Einträge in den genannten

Gemeinderechnungen.

Ortsgeschichtlich:

Der Lichtenberg muß bis etwa 1730 im Besitz der Herr-

schaft, jedoch noch nicht Wald gewesen sein — siehe

Flb. 1717: 51.—55. Gewann „stösst auf den gemeinen

Wald", ebenso bei der 1. Gewann daselbst, ferner Hin-

weis auf die genannten Gemeinderechnungen.

Lt. Akten im Stadtarchiv bestanden 1796 mit Hanau Strei-

tigkeiten wegen Bezahlung des Restkaufpreises für den

vorher in den Besitz der Gemeinde übergegangenen Wald;

in einer Urkunde vom 19. 3. 1796 bestätigen Nauheimer

Ortsbürger, daß der Kaufpreis mit 6000 fl. bereits bezahlt

worden sei.

Judenfriedhof, vermutlich seit dem 17. Jahrh. belegt bis

1866. (Vgl. Brücher, Das Grab im Walde).“

 

Quelle: Friedrich Becker, Die Gemarkungen Bad Nauheim und ihre Flurnamen, Kleine Schriften des Heimat-Vereins Bad Nauheim – 6. Druck, 1967, S. 94-95